Der Schimpanse am roten Knopf
Eine Überlebensstrategie für das 21. Jahrhundert
Am Wochenende fuhr ich ganz ohne spirituelle Ambitionen auf ein buddhistisches Retreat. Ich wollte etwas entspannen, alte Freunde wieder treffen und ganz allgemein eine gute Zeit haben. Das klappte auch wegen der wunderbaren Arbeit des Kochteams vortrefflich, und es hätte dabei bleiben können, wenn in der Puja – einem buddhistischen Ritual mit mehr oder weniger Rezitation alter oder nicht ganz so alter Texte – nicht dieser eine Satz gefallen wäre:
„Der Buddha war ein Mensch, so wie wir Menschen sind. Was der Buddha überwunden hat, das können auch wir überwinden.“ Zwei Verse versprechen ohne Umschweife, dass der Mensch seine Grundbedingung, nämlich das Leiden, überwinden kann. Sie versprechen auch, dass gewöhnliche Menschen zu Heiligen werden können. In einer Welt, in der die Menschheit sich mehreren existenziellen Bedrohungen gegenübersieht, wäre etwas Heiligkeit definitiv nützlich. Vielleicht ist sie sogar überlebensnotwendig. Gleichzeitig hat die Überhöhung von Lehrern und anderen Heiligen schon zu vielen Katastrophen geführt. Friedrich Nietzsches Zarathustra schenkt uns ein wunderbares Gleichnis: der Mensch sei ein Seil, gespannt über einen gefährlichen Abgrund zwischen Affe und Übermensch.
Wir leben in einem historischen Paradoxon, so gewaltig, dass wir es im Alltag meist verdrängen, um funktionstüchtig zu bleiben. Technologisch sind wir Götter, emotional sind wir Primaten. Wie Stephen Hawking warnte, haben wir das 21. Jahrhundert mit dem emotionalen Betriebssystem unserer Vorfahren betreten: territorial, aggressiv und stammesorientiert. Unsere Gruppe gegen die anderen.
Statt Stöcken und Steinen halten wir nun jedoch die Macht zur planetaren Vernichtung in Händen. Die Diagnose ist schonungslos: Wir sind Schimpansen mit einem nuklearen Knopf. Das Bedrohliche ist dabei nicht der Knopf selbst, sondern unsere Unfähigkeit, den Impuls zu kontrollieren, wenn wir uns bedroht fühlen. Um dieses existenzielle Risiko abzuwenden, müssen wir tief in die menschliche Psyche blicken – dorthin, wo buddhistische Weisheit, moderne Neurowissenschaft und die blutige Geschichte der Menschheit sich treffen.
Wenn die Angst regiert: Der Burgwall gegen das Chaos
Die erste Wahrheit des Buddhismus ist Dukkha – das Leiden, die Reibung, das Unbehagen. In unserer Zeit hat Dukkha eine beängstigend technische Form angenommen: „Launch on Warning“. Es ist ein Szenario, das die Journalistin Annie Jacobsen in minutiöser Kälte beschreibt: Wenn ein Radar einen Angriff meldet, bleiben dem amerikanischen Präsidenten wenige Minuten. Keine Zeit für Philosophie, kaum Zeit für Verifizierung. Die Welt kann in 72 Minuten enden.
Warum haben wir eine solche „Weltuntergangsmaschine“ gebaut? Die Antwort liegt tief in unserer Angst vor dem Tod verborgen, wie es die Terror-Management-Theorie beschreibt. Der Mensch ist das einzige Tier, das um seine eigene Sterblichkeit weiß. Um nicht wahnsinnig zu werden angesichts dieses Abgrunds, bauen wir kulturelle „Unsterblichkeitsprojekte“: Nationen, Religionen, Ideologien.
Der Psychologe Jordan Peterson verwendet hierfür ein starkes Bild: Unsere kulturelle Identität ist wie ein ummauerter Burgwall. Innerhalb der Mauern herrscht Ordnung, Struktur und Vorhersehbarkeit. Draußen aber lauert das Chaos, die Natur, der Tod. Dieser Wall schützt unser psychisches Gleichgewicht. Doch genau hier liegt die Gefahr: Wenn jemand unsere Werte, unseren Gott oder unsere Nation angreift, attackiert er nicht nur eine Meinung – er schlägt eine Bresche in unseren Wall, der uns vor der Todesangst schützt. Deshalb reagieren wir auf solche Angriffe nicht mit Gelassenheit, sondern mit existenziellem Zorn. Wir werden zu Monstern, um die Mauer zu verteidigen.
So betreten wir, wie es im Roman von Liu Cixin heißt, den „Dunklen Wald“ der Geopolitik. Jeder Schatten ist ein Feind, es ist der Urzustand der Menschheit… Ein Krieg aller gegen alle, wie Thomas Hobbes geschrieben hat. Die einzige Logik ist die gegenseitige Zerstörung (MAD). Gerade staatliche Akteure müssen nach dem offensiven Realismus von John Nearsheimer ihre Macht stetig ausbauen, um im Wettbewerb um Sicherheit in einem letztlich anarchischen Umfeld nicht zurückzufallen.
Die Angst vor der eigenen Verletzlichkeit macht uns wie Jordan Petersen sagt,fähig zum absoluten Bösen – zum präventiven Schlag, bevor der andere den Wall einreißen kann.
Der innere Erzähler: Wie wir Getrenntheit konstruieren
Wie funktioniert dieser tödliche Mechanismus in unserem Kopf? Was der Buddhismus als Ursache des Leidens beschreibt, hat die moderne Neurowissenschaft inzwischen physisch lokalisiert: im Default Mode Network (DMN).
Das DMN ist das Ruhezustandsnetzwerk unseres Gehirns. Es springt an, sobald wir keine konkrete Aufgabe haben, und beginnt unermüdlich mit seiner Lieblingsbeschäftigung: der Konstruktion des „Ichs“. Es grübelt über die Vergangenheit, sorgt sich um die Zukunft und vergleicht den eigenen Status mit anderen. Der thailändische Reformer Ajahn Buddhadasa diagnostizierte genau diesen Mechanismus als die universelle „geistige Krankheit“: Die Infektion mit „Ich“ und „Mein“.
Das DMN ist der physische Architekt dieser Illusion. Es simuliert eine harte Grenze zwischen „Mir“ (dem Wichtigen) und „Denen“ (der Bedrohung), obwohl es diese Grenze in der Realität der Atome und Moleküle gar nicht gibt.
Wenn nun ein Reiz uns trifft – sei es ein Kollege, der uns kritisiert, oder Chruschtschow, der Raketen auf Kuba stationiert –, dann bewertet dieser innere Erzähler die Situation sofort als Bedrohung für den Burgwall dieses konstruierten „Ichs“. Ein viszeraler Schmerz entsteht (Vedana). Und aus diesem Schmerz erwächst der rasende Impuls (Tanha), die Quelle des Schmerzes zu vernichten.
Es ist eine Kette ohne Lücke: Reiz, Schmerz, Reaktion. Der Schimpanse handelt reflexhaft.
Im Oktober 1962 wäre die Welt fast an diesem Reflex zugrunde gegangen. Kennedy und Chruschtschow zogen beide an den Enden eines Seils, in dem – wie Chruschtschow es in einem seltenen Moment der Klarheit schrieb – der „Knoten des Krieges“ geknüpft war. Erst als sie den Raum zwischen Reiz und Reaktion wiederfanden, konnten sie den Knoten lösen. Sie installierten den „Heißen Draht“ – eine Technologie der Verzögerung, um den biologischen Autopiloten zu umgehen. In diesem Raum zwischen Reiz und Reaktion fand Viktor Frankl die rettende Insel. So überlebte er die Schreckendes Konzentrationslagers Ausschwitzund bewahrte seine innereFreiheit und würde.
Die goldene Spirale: Der Mond im stillen Teich
Dieser historische Moment zeigt, dass wir keine Sklaven unserer Biologie sein müssen. Es gibt einen Ausweg aus dem Kreis des Leidens (Samsara). Die buddhistische Lehre kennt eine verborgene Karte dieses Auswegs: die „Transzendente Bedingte Entstehung“.
Stell dir vor, du stehst im Schlamm des Leidens. Der übliche Impuls ist, wild um dich zu schlagen, wodurch du nur tiefer sinkst. Doch es gibt eine andere Möglichkeit: Innehalten. Wenn wir das Leiden nicht als Feind betrachten, sondern als Weckruf, verwandelt sich die Energie. Aus dem Leid (Dukkha) entsteht plötzlich Vertrauen (Saddha) – die Ahnung, dass es einen anderen Weg geben muss.
Aus diesem Vertrauen wächst eine spiralförmige Bewegung nach oben. Es entsteht Freude (Pramojja) und eine energetische Leichtigkeit (Piti). Der berühmte Glücksforscher Mihály Csíkszentmihályi würde diesen Zustand als „Flow“ bezeichnen – jenen Moment, in dem das Selbstvergessen eintritt und wir vollkommen mit dem Tun verschmelzen. Das neurotische Plappern des Default Mode Networks verstummt.
Wenn diese Energie sich beruhigt, erreichen wir einen Zustand tiefer Sammlung (Samadhi). Und hier geschieht das Entscheidende: Der Geist wird still wie ein Waldsee in einer windstillen Nacht. In der japanischen Zen-Tradition gibt es dafür ein wunderschönes Bild: Der Mond spiegelt sich perfekt im Wasser. Keine Welle verzerrt das Bild. Wir sehen die Dinge nicht mehr durch die Brille unserer Ängste oder Wünsche, sondern wir sehen sie, „wie sie wirklich sind“ (Yathabhuta-ñana-dassana).
In diesem Spiegel erkennen wir die drei Daseinsmerkmale (Lakshanas), und plötzlich fällt der Grund weg, warum wir unseren „Burgwall“ überhaupt gebaut haben:
Wir sehen, dass alles fließt (Anicca), und Mauern sinnlos sind.
Wir sehen, dass das krampfhafte Festhalten schmerzt (Dukkha).
Und vor allem sehen wir, dass da gar kein festes „Ich“ hinter der Mauer sitzt, das verteidigt werden muss (Anatta).
Die Yoga-Cara-Schule des Buddhismus nennt dies die „Umkehr im tiefsten Sitz des Bewusstseins“ (Ashraya Paravritti). Es ist der Moment, in dem wir erkennen, dass wir keine isolierten Festungen sind, sondern Juwelen in Indras Netz. Die buddhistische Mythologie schenkt uns hier eines der poetischsten Bilder der Weltliteratur. Stell dir ein unendliches Netz vor, das sich durch den gesamten Kosmos spannt – fein gesponnen wie Spinnenseide, glitzernd im Morgenlicht. An jedem Knotenpunkt dieses Netzes hängt ein vollkommenes Juwel. Wenn du nun ein einziges dieser Juwelen betrachtest, entdeckst du darin – gespiegelt in seiner polierten Oberfläche – alle anderen Juwelen des Netzes. Und in jedem dieser gespiegelten Juwelen spiegeln sich wiederum alle anderen. Milliarden von Reflexionen in einem einzigen Punkt. Nichts hat je getrennt existiert kein einziges Atom kein Mensch, keine Nation auf diesem Planeten.
Ein moderner Beweis für die Kraft dieser Sichtweise ist Nelson Mandela. Nach 27 Jahren Haft im dunkelsten Loch des Apartheid-Regimes hätte sein Dukkha (Schmerz) Südafrika in ein Blutbad der Rache stürzen müssen. Das wäre die logische Reaktion des isolierten Egos gewesen.
Doch Mandela nutzte die Haft, um nach innen zu gehen. Er handelte nach dem Prinzip von Ubuntu: „Ich bin, weil wir sind.“ Er erkannte, dass sein Schicksal untrennbar mit dem seiner Peiniger verbunden war. Er installierte die Wahrheits- und Versöhnungskommission und verstand: „Wenn ich den anderen vernichte, zerreisse ich das Netz, in dem ich selbst hänge.“
Die Wette zwischen Gott und Mephisto
Wir könnten nun hoffen, dass Einsicht uns automatisch zu Heiligen macht. Doch der Weg ist vermint. Goethe beschrieb dieses Dilemma im Faust als eine Wette. Mephisto wettet mit Gott, dass der Mensch seine „Vernunft“ (oder Spiritualität) am Ende doch nur dazu nutzt, um „tierischer als jedes Tier zu sein“.
Und Mephisto hat starke Argumente. Die Geschichte religiöser Institutionen ist voll von Missbrauch. Gleich ob katholische Priester, Zenmeister, tibetische Rinpoches oder westliche Therapeuten. Viele haben ihre Machtposition genutzt, um andere sexuell oder finanziell auszubeuten. Warum? Weil Spiritualität das Gehirn nicht vom Körper abkoppelt. Tiefe meditative Zustände fluten das Gehirn mit Dopamin. Die Bewunderung durch Schüler erzeugt Oxytocin. Ein Meister mag in lichten Momentendie „Leerheit“ verwirklichen, aber kein Zustand ist je beständig. Deshalb Kommt die Neurobiologie zurück. Das Belohnungssystem schreit nach Dopamin. Wenn die bewusste Arbeit am eigenen Schatten fehlt, wird die spirituelle Position zum perfekten Jagdrevier für das Raubtier in uns.Das ist die faustische Tragödie: Wir streben nach dem Höchsten, aber unsere Triebe ziehen uns in den Dreck, wenn wir nicht wachsamer sind als jeder Heilige. Wir brauchen keine Magie, sondern geistige Hygiene.
Das Übungsprogramm: Den Schimpansen zähmen
Wir können nicht kontrollieren, welche Reize die Welt auf uns abfeuert. Aber wir können trainieren, nicht sofort den Knopf zu drücken. Hier ist eine säkulare Routine, um den Raum der Freiheit täglich zu weiten.
Morgens: Die Atem-Interdependenz
Bevor du auf das Smartphone schaust, setze dich drei Minuten hin. Spüre den Atem. Aber nicht als „Ich atme“. Stelle dir vor, wie die Moleküle von den Pflanzen draußen in deine Lungen strömen und dein CO₂ sie nährt. Du bist ein Juwel in Indras Netz. Es gibt keine physische Grenze zwischen „dir“ und „dem Draußen“.
Mittags: Die Reflektion beim Essen
Wenn du isst, halte einen Moment inne. Schau auf deinen Teller. Mach dir klar: In diesem Stück Brot stecken der Regen, der Weizen, die Arbeit des Bäckers und das Licht der Sonne. Das ganze Universum hat zusammengearbeitet, um dich in diesem Moment zu nähren. Wenn du das schmeckst, wird aus Nahrungsaufnahme Verbundenheit. Du isst buchstäblich die Welt.
Tagsüber: Der Frankl-Moment
Der Tag wird kommen, an dem dich jemand verletzt. Der Radar-Blip erscheint: Kritik, Lärm, Stress. Du spürst den Stich.
Die Übung: STOPP. Tu nichts. Atme. Viktor Frankl, der Auschwitz überlebte, sagte: „Zwischen Reiz und Reaktion liegen Freiheit und Würde.“ Sage dir: „Dies ist nur eine Empfindung. Es ist kein Befehl.“ Dehne die Millisekunde des Reflexes zu Sekunden der Souveränität.
Abends: Die Sternenstaub-Perspektive
Die Terror-Management-Theorie sagt, wir haben Angst vor dem Nichts. Nutze das. Schau in den Spiegel und betrachte deinen ganzen Körper. Mache dir klar: Jedes Atom in diesem Körper wurde vor Milliarden Jahren im Herzen eines sterbenden Sterns geschmiedet. Du bist kein festes Ding, das „kaputtgehen“ kann. Du bist ein uralter, leuchtender Tanz von Energie. Wenn das „Ich“ nicht wichtig ist, müssen die Mauern nicht gebaut werden.
Wir haben die Wahl. Wir können Schimpansen bleiben, die getrieben von Gier und Angst ihre Welt verbrennen. Oder wir treten in den Raum der Freiheit ein, den Frankl, Mandela und der Buddha uns gezeigt haben.
Goethes Faust gibt übrigens eine Antwort auf die Frage, die mich eingangs umtrieb: Kann der Mensch seine niedere Natur überwinden? Wir wissen es nicht und können es vielleicht nie wissen. Gott aber sagt zu Mephisto:
„Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“
Wer aufgibt und sich in Zynismus und Verteidigungsbereitschaft verschanzt, hat schon verloren. Der Buddha hatte angesichts seines nahenden Todes übrigens folgende letzte Worte für uns, die heute aktueller sind denn je:
„Mit Wachsamkeit strebt weiter.“